von Prime Lee
Brandeins-Kolumnist Wolf Lotter schrieb in dem Artikel „Das Lebensmittel“ über den Wert des Geldes. Das hat die Sichtweise vieler Leser beeinflusst. Meine zum Beispiel. Ich weiß nun endlich, wie viel Geld mein Glück braucht.
Wieviel kostet Glück?
Guter Schlaf, gutes Essen, Freundschaft und Liebe. Wieviel Geld kostet Glück? Ein Haus am See, ein Loft in Kreuzberg, oder ein süßer Kaffeeladen in einer quirligen Prenzlberger Seitenstraße. Wie viel Geld kosten Träume? An Träumen und Wünschen mangelt es nicht, an Geld schon. Überhaupt zerplatzen die meisten Seifenblasen, weil wir einfach zu wenig Geld haben. Daran ist das Finanzamt Schuld. Oder die Politik, der Markt, die Bank, die Medien, mein Chef oder gar das Wetter. Das habe ich früher gedacht. Heute weiß ich, dass es falsch ist.
Wenn Wünsche nicht wahr werden, mangelt es meist an was ganz anderem. Zeit, Wissen, Kompetenz und Kontakte zum Beispiel. Manchmal habe ich mich mit meinem Wunsch schlicht und ergreifend geirrt. Auch das kann passieren. In Wahrheit steckte ein anderes Bedürfnis hinter dem Wunsch. Und dieses ist oft sogar viel einfacher zu stillen, als eine Weltreise, ein Loft oder eine Schule in Laos. Das was man für sein Glück einsetzen muss, ist also weitaus mehr als nur Geld. Ich will es mal Kapital nennen, und was Kapital eigentlich ist, beschreibt Wolf Lotter in der brandeins Ausgabe 03/2006 sehr schön.
Ein Pulli? Das macht 0,25 Schaf bitte.
„Der Kapitalismus ist in seinem Wesen zutiefst sozial“, schreibt Lotter. Bevor 2.600 vor Christus ein König namens Krösus das Geld erfand, haben die Menschen vom Tauschgeschäft gelebt. Ein äußerst beliebtes Tauschmittel war das Schaf. Weil man damit viel machen konnte. Lammkotelett zum Beispiel, oder Milch, oder Käse. Wenn es kalt wurde, konnte man aus dem Fell Wolle gewinnen, und sich eine Decke weben oder einen Pulli stricken. Die einen Hirten haben sich darauf konzentriert ihre Schafe zu Nahrungsmittel zu verwursten, andere haben sich auf Felle spezialisiert und so weiter. Das war praktisch, denn so konnte man das, was man zu viel hatte gegen das tauschen, was man zu wenig hatte. Fleisch gegen Fell, Milch gegen Teppiche und so weiter. Auf diese Weise konnte man alle Grundbedürfnisse befriedigen. Eigentlich hätte man die Münzen und Taler von Krösus gar nicht gebraucht, denn das Schaf hatte sich als Zahlungsmittel bewährt: Um zwei Wollpullis in XL herzustellen, brauchte man vielleicht ein halbes Schaf, also kostete ein Pulli 0,25 Schaf. Die erste Währung der Welt. Die Naseweise, die ungeschickten Käufern einen Pulli für ein ganzes Schaf andrehen konnten, haben sich gefreut. Sie haben einen Mehrwert gewonnen, den sie zur Vergrößerung ihrer Schafsherde einsetzen konnten. Anders ausgedrückt: Sie haben in ihre Capute (Lat: Schafsköpfe) investiert. Die ersten Investitionen der Menschheitsgeschichte fanden statt. Aus Caput wurde das Wort Kapital. Der Kapitalismus war geboren.
Die Erfindung des Geldes
Wozu ein weiteres Zahlungsmittel? Wieso brauchten die Menschen da noch Geld? Ganz einfach: Weil es keinen Kühlschrank gab. Wenn ich als Fleischer eine große Menge Felle kaufen wollte, um mich für den Winter zu rüsten, hatte ich ein Problem. Ich verfüge zwar über ein ordentliches Kapital, das ich einsetzen konnte, und zwar karrenweise Fleisch. Aber was zum Teufel soll ein einzelner Mensch mit einem Karren voll Fleisch anfangen. Das verdirbt, und der Kühlschrank war ja noch gar nicht erfunden. Also quittierte man dem Käufer die Menge an Fleisch, die er noch gut hatte auf einem kleinen Zettel. Der Käufer konnte diesen Gutschein einlösen, wenn er wieder Bedarf an Fleisch hatte. Also erfanden die Menschen anstelle der Kühltruhe die Quittung, und damit hier kein Schabernack getrieben wird, wurden Silberstücke eingeführt. Das Geld war im Kapitalismus angekommen. Plötzlich konnte man mit einer Tasche voll Geld um die Welt reisen und in fernen Ländern tolle Gewänder und Gewürze kaufen, ohne blökende Schafe mit sich rumzukarren. An sich eine wirklich sinnvolle Innovation.
Casino Global
Doch das Geld hatte eine Kehrseite. Weil es so abstrakt war und so schön handlich, konnte man es zum Spaß verwetten. Auf das schnellere Pferd, auf den stärkeren Käfer oder einfach auf eine Figur im Kartenspiel. Das Glückspiel kehrte im Kapitalismus ein und veränderte den Kreislauf des Tauschhandels nachhaltig. Natürlich hätte man auch davor sein Haus oder seine Schafe verwetten können. Am Pokertisch kam es einfach sehr unsexy, mit einem stinkenden Schaf aufzutrumpfen. Funkelnde Silbertaler machten sich besser. In dem Moment, als die Spieler anfingen, mit ihrem Kapital, also Geld, zu spielen, um noch mehr Geld daraus zu machen, stirbt der ursprüngliche Gedanke des Kapitalismus. Denn ein Tauschmittel war nichts wert, wenn man es nicht eingetauscht hatte. Sprich, wenn aus einem Schaf kein Pulli oder eine Decke wurde, war das Schaf einfach nichts Wert. Warum sollte es mit anderen Tauschmitteln anders sein. Wenn man Geld nicht gegen einen Wert eintauscht, sei es ein Haus, ein Grundstück oder einfach ein leckeres Vier Gänge Menü, sondern immer nur einsetzt, um noch mehr Geld daraus zu gewinnen.
Wenn die Wirtschaft lahmt, kann man ja immer noch dorthin, wo der Rubel rollt: Ins Casino. Das dachte sich womöglich Bankkaufmann Dirk Lamprecht, der sich als Bezirksstadtrat für Wirtschaft in Berlin-Mitte um die Geschäfte der Investoren kümmerte. Nach zehn Jahren Wirtschaftspolitik wurde es ihm vielleicht zu langweilig. So richtig investieren wollte keine Sau in den Standort Berlin. Also ging es ab in die Spielothek. Dort wird wenigstens noch richtig gezockt. Heute ist Lamprecht Geschäftsführer der AWI. Das ist die Lobby, die die Interessen der Automatenhersteller vertritt. Jackpot für Lamprecht, und sein Konto.
Aktionäre in Aktion
Fast 1.000 Spielhöllen und Gaststätten mit Automaten zählt mittlerweile allein eine Stadt wie Berlin. Tendenz steigend. Die Anträge für neue Konzepte liegen in mehreren Bezirken vor. Lamprecht hat alle Hände voll zu tun. Casinos profitieren von einem bestimmten Phänomen. Psychologen nennen dieses Phänomen Sucht. Die Leute verpassen es immer, im richtigen Zeitpunkt aufzuhören, um die vielen vielen bunten Smarties in der echten Welt gegen viele tolle Dinge einzulösen. Anstelle dessen werden die wieder in den Black Jack, oder in den Parlor gesteckt. „Spieler investieren nicht. Spieler wollen spielen.“, schreibt Wolf Lotter. Spieler interessieren sich weder für den Geschäftsbericht der Hersteller der Slotmachines, die sie benutzen, noch für das Arbeitsklima des Casinopersonals. Sie interessieren sich einzig und allein für das, was unten rauskommt, wenn da was rauskommt. Eine recht passive Tätigkeit. Die einzige Aktion, die stattfindet, ist die Entscheidung, für welches Spiel man wie viel einsetzt.
Komisch eigentlich, dass diese passiven Leute, die das im großen Stil machen, Aktionäre genannt werden. Auch diese interessieren sich meist wenig für das Wohl der Firma, deren Anteile sie kaufen. Was zählt ist, was unten rauskommt.
Das Blatt wendet sich
Es gibt auch Investoren, die sich gar nicht als solche sehen, sondern als Retter, als Visionäre oder wie es bei dem Berliner Verlag der Fall ist, als Verleger. Der irische Investor David Montgomery hat mithilfe seiner Aktionäre den Berliner Verlag gekauft. Das ist der große graue Plattenbauriegel am Alexanderplatz, in dem auch die Berliner Zeitung gemacht wird. Eine gute Zeitung. Sie gehört neben dem Spiegel zu den meist zitierten Zeitungen Deutschlands. Ihre Artikel sind mehrfach für hervorragenden Journalismus ausgezeichnet worden. Und der Umsatz stimmt. Es gibt keine Tageszeitung in Deutschland, die mehr Abokunden hat als die Berliner Zeitung. Wer sie kennt, weiß, dass sie wie keine andere für die Annäherung von Ost und West einsteht und sensible Themen wie Stasivergangenheit in den eigenen Reihen oder Reibereien mit dem eigenen Chefredakteur thematisiert. Die Berliner Zeitung ist nicht nur ein wichtiger Beitrag zur journalistischen Presselandschaft, sondern hat auch einen gesellschaftlichen Wert. Dieser lässt sich schwer messen. Messbar sind Abokunden, Umsatz, Gewinn und Kosten. Und diese Kenndaten sind alles andere als problematisch. Das Problem ist, dass Montgomery seinen Aktionären einen Gewinnzuwachs von 18 % versprochen hat. Als Verleger, wie er sich selbst bezeichnet, müsste ihn eigentlich eher der gesellschaftliche Wert und nicht der Spekulationswert interessieren: Der gesellschaftliche Einfluss seines Blattes. Die besondere Rolle seiner Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur.
Von Brockhaus, Bertelsmann und anderen Wertschöpfern
Ein Verleger würde sich Mühe geben, diese abstrakten Werte sichtbar zu machen. Rudolf Augstein, der den Spiegel gründete, wollte politische Ungereimtheiten öffentlich machen, stand dabei stets mit einem Bein im Gefängnis. Durch seinen investigativen Spürsinn sind die Medien in der Gewaltenteilung des Staates angekommen. Neben Judikative, Legislative und Exekutive gesellte sich eine vierte Kontrollinstanz hinzu: Die Macht der Medien. Augstein leistete einen wertvollen Beitrag für die Rechtsstaatlichkeit. Carl Bertelsmann, Ursprung des Bertelsmann Konzerns, hat sich mit seiner Druckerei für die evangelischen Werte stark gemacht. Seine Druckerei stellte unter anderem Gesangsbücher für die Kirche her. Der nach ihm benannte Carl Bertelsmann-Preis zeichnet heute Beiträge für innovative Lösungen für Politik und Gesellschaft aus. Friedrich Arnold Brockhaus machte den Philosophen Arthur Schopenhauer berühmt und brachte die Memoiren des Casanova heraus. Achja, darüber hinaus engagierte sich Brockhaus mit seinen Conversations-Lexicons, der heutigen Brockhaus-Enzyklopädie, für die deutsche Sprachkultur. All diese Verleger haben zweifelsohne nachhaltige Werte geschaffen. Was wird Montgomery an Werten schaffen? Von 90 Entlassungen ist die Rede. Das entspricht einem ganzen Drittel. Unmut und Angst unter der Belegschaft, Unsicherheit unter den Lesern und vermehrte Rechtschreibfehler (weil alle Lektoren gestrichen wurden) sind das Resultat seines Wirkens. Von Wertsteigerung kann hier nicht die Rede sein. Eher von Wertminderung.
Made in Germany - Lost in stocks
Die Folgen sind bekannt, der Fall jedoch ein Novum. Noch nie sich hat ein ausländischer Investor für einen Verlag interessiert. Neuerdings interessieren sich Großinvestoren wie Blackstone auch für renditeschwache Branchen wie Wohnimmobilien: die Gehag oder die defizitäre Wohnungsgesellschaft WCM dürften sich gefreut haben. Die Hilton-Hotelkette, die Blackstone bereits im Einkaufskorb hat, gibt offenbar nicht genug Kick im Börsenroulette. Die üblichen Aufkaufe umfassen Pharmakonzerne, Industrieunternehmen oder Automobilkonzerne. Daimler zum Beispiel hat das größte Aktienpaket an Kuwait verkauft, die mit knapp 8 % die größten Aktionäre sind an dem Inbegriff von Deutscher Qualität. Man könnte auch sagen: Unsere deutscheste Marke ist auch ein wenig arabisch. Der Aktienkurs bei Daimler ist allerdings so schlecht wie nie zuvor, und so kommt es, dass eines der größten und erfolgreichsten Automobilkonzerne der Welt auf einmal fürchten muss, von einem Investor feindlich übernommen zu werden. Vielleicht stecken die Scheichs den Stern ganz in die Tasche, oder auch jemand ganz anderes? Wer weiß das schon. Was dann passiert, kann man sich ja ausmalen. Menschen werden entlassen, Standorte werden geschlossen und an teurem Personal wird gespart. Interessant ist, dass genau in so einer spekulativen Phase die Aktionäre am liebsten in Aktion treten und Daimler-Aktien kaufen.
Wachstum bis zur Insolvenz
In der Tat ist der Kurs wieder leicht gestiegen. Damit helfen eigentlich die neuen Aktionäre dem Unternehmen. Doch sie tun es nur, weil sie darauf hoffen, dass sich ein Großinvestor einkauft und die Firma „aufräumt“. Normalerweise freuen sich Unternehmen, wenn ihr Unternehmen wächst. An Reputation, an Marktbedeutung, an Fachpersonal und Marktanteilen. Dass hierbei der Gewinn niedrig ausfallen kann, ist nicht schön, aber langfristig gesehen kein Unding. Aktionäre definieren Wachstum anders. Wenn ein Unternehmen schrumpft, wächst die Rendite. Nur dieses Wachstum ist für Spieler interessant. Ist das nicht irre? Im Casino gelten andere Regeln. Vom ursprünglichen Gedanken des Kapitalismus findet man in diesen Mechanismen wenig.
Dabei ging es doch ursprünglich um den Einsatz von Kapital um Werte zu schaffen. Was sind denn nun Werte? Wie wäre es mit einem sicheren Arbeitsplatz, oder ein guter Schlaf ohne Albträume. Ein Schaf wird uns da nicht nutzen. Eine wärmende gemütliche Felldecke hingegen schon. Wenn zur Wertsteigerung eines Unternehmens auch Arbeitsplätze und letztendlich das Unternehmen selbst draufgehen dürfen, stellt sich die Frage: Was versteht der Finanzmarkt eigentlich unter Wertschöpfung?
Erschöpft vor lauter Wertschöpfung
Wikipedia weiß es: Produktionswert – Vorleistung = Wertschöpfung. Ich darf das mal anders deuten: Getreide allein ist nichts wert. Sobald der Bauer jedoch sein Getreide zu Mehl verwertet, ist es auf einmal was Wert, weil man daraus etwas machen kann, was einen Nutzen hat z.B. Brot. Mit diesem Nutzen kann man ein Bedürfnis stillen: Hunger. Erst jetzt wird das Getreide zum Kapital, weil es Bedürfnisse decken kann. Natürlich muss der Bauer das Brot nicht selber backen. Er könnte das Mehl etwas teurer verkaufen und mit dem Restgeld ein Brot kaufen. So oder so kommt er dazu seinen Hunger zu stillen. Das Getreide, sein Kapital, findet sich am Ende in seinem Bauch wieder. Der Kreislauf ist geschlossen. Wertschöpfung als mathematische Gleichung. Das klingt einleuchtend. Pervers wird es, wenn der Hunger geplagte Bauer anfängt, Getreide gegen mehr Getreide einzutauschen, um daraus noch mehr Getreide zu machen. Und am Ende stirbt er, weil er kein Brot hat.
Werte in Häppchen
Die einschlägigen Lehrbücher der Betriebswirtschaftslehre bringen nützliche Hinweise zum Wertebegriff: Als Wertsystem wird hier der Ablauf von Produktionsschritten verstanden. Wem es gelingt, möglichst viele kostenintensive Schritte einzusparen, gewinnt das, was alle Firmen wollen: Einen Wettbewerbsvorteil. Spezialist in diesem Gebiet ist Ökonom Michael Eugene Porter, der in seinen Vorlesungen an der Harvard Universität den Wirtschaftsstudenten beibringt wie man Fleisch verarbeitet: Ein Schafshirte kann seine Riesenherde zum Schlachthof karren, um sie dann dort verbrauchergerecht zu zerlegen. Oder er spart sich die Transporttortur und schlachtet und zerlegt sie gleich an Ort und Stelle, bevor er seine Schäfchen in abgepackten Portionen ins Trockene bringt. Betriebswirtschaftlich hat er einen Mehrwert gewonnen, weil er die Kosten des Transportes eingespart hat. Doch sind die Kosten die einzigen (Kenn)Werte, die zählen? Nehmen wir mal an, der Transportfahrer träumt nachts schlecht, weil er den armen Tierchen während der langen Fahrt in die Augen sehen muss. Er schläft nun - mit den kleinen Päckchen im Gepäck - womöglich nachts besser. Manchmal bedarf es einfach eines anderen Umgangstones vom Chef, und der Mitarbeiter schläft auch schon besser. Dadurch wird er weniger krank, hat bessere Laune und ihm macht die Arbeit mehr Spaß. Was die Firma davon hat? Vielleicht arbeitet er durch die gestiegene Zufriedenheit gerne länger oder ohne Gehaltserhöhung. Mithilfe dieses Wertes lassen sich auch Kosten sparen: Glücklichkeit. Kommt dieser Wert eigentlich in irgendwelchen Wertesystemen vor?
Karma-Kapitalismus
BWL-Professor Josef Wieland hat ganz andere Botschaften für seine Studenten, und diese sitzen nicht nur in Deutschland (FH Koblenz), sondern auch in China (Jiangsu Universität in Zhenjiang). In einem Dossier des Goethe-Instituts sagt Wieland: „Es ist darauf zu achten, dass ethische Grundsätze eingehalten werden. Das muss normaler Bestandteil der Führungsaufgaben jeder Management-Ebene sein.“ Damit meint er Kinder- und Sklavenarbeit, Einsatz von schädlichen Umwelttechnologien, Korruption und Bilanzfälschung und spricht indirekt die ehemaligen Topmanager bei VW, Siemens und Deutsche Telekom an. Doch warum sollten die Manager das tun? „Die Moral ist eine Frage mit wirtschaftlichen Konsequenzen“ heißt es weiter Wieland behauptet, es gebe zunehmend Konsumenten, die darauf achten, unter welchen Umständen das Produkt entstanden ist. Offenbar sind es noch zu wenige, die das so sehen. Denn weder bei VW, Siemens noch bei der Deutschen Telekom, wo die Staatsanwaltschaft ermittelt, sind die Umsatzeinbrüche eindeutig den Skandalen zuzuordnen. Wieviele Deutsche Bank-Kunden haben ihr Konto gekündigt, nachdem sie Josef Ackermann mit Siegergrinsen und Victoryzeichen verlautbaren haben sehen, dass der Gewinn gestiegen ist und dennoch Mitarbeiter entlassen werden müssen. Ich habe es zumindest nicht.
Dennoch nimmt das Wohl der Mitarbeiter eine immer größere Bedeutung an. Dafür sorgt auch seit 2002 der Deutsche Corporate Governance Kodex, Benimmregeln für börsennotierte Firmen. Noch völlig unverbindlich. Fairer Handel wird gefordert. Gerechte Bezahlung. Sogar die Hühner sollen unter menschenwürdigen Bedingungen brüten und Schweine kein Schweinefraß erhalten. Bio ist in, und dafür sind tatsächlich viele Menschen bereit, mehr Geld auszuzahlen. In Amerika spricht man vom Caring Capitalism, und das Trendbüro Hamburg beobachtete gar eine esoterische Note in der Entwicklung der Globalisierung und taufte den neuen Trend Karma-Kapitalismus.
Wieviel kostet nun das Glück?
Karma und Wirtschaft folgen im Grunde genommen dem gleichen Prinzip: Es geht um Geben und Nehmen, oder anders: Angebot und Nachfrage. Und beides lebt von dem ewigen Kreislauf. Ein Kreislauf, der beim Kapital anfängt (z.B. Schaf, Getreide oder auch Geld) und in Bedürfnisse mündet (z.B. Hunger, Sicherheit, Freiheit und so weiter), die dann wiederum das Kapital aufstocken Was Glück für jeden einzelnen bedeutet, muss jeder selbst herausfinden. Das kann eine Familie sein, anregende Freundschaften, eine spannende Tätigkeit. Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Diese definieren das eigene Glück. Die richtige Frage lautet also nicht: Wieviel Geld brauche ich, sondern: Welches Kapital muss ich einsetzen muss, um mein Glück zu „bezahlen“. Sehr schnell wird man darauf kommen, dass man sich so was wie Familie oder anregende Freundschaften mit keinem Geld der Welt erkaufen kann. Hier muss man ein anderes Kapital einsetzen. Wie wäre es mit Zeit? Oder Fähigkeiten? Zum Beispiel die, zuzuhören, oder zu unterhalten. Humor, Ehrlichkeit und Mut, wichtige Schritte zu gehen. Meine Netzwerke und Kontakte sind ein wichtiges Kapital für mich, das mir viele Jobs und Freundschaften beschert hat: Kiss FM, VIVA, radiomultikulti und mich zu Persönlichkeiten gebracht hat, die scheinbar unerreichbar sind. Ob Politiker, Sänger wie Lenny Kravitz oder andere namhafte Schriftsteller und Schauspieler. Die Fähigkeit, sagen zu können, was man denkt, ist ein Kapital, dass mich an viele Ecken der Welt gebracht hat. Übrigens für wenige hundert Euros: Nach Stockholm, New York und Tel Aviv zum Beispiel, wo ich mich als Jugendlicher in der Nachbarschaftsheimbewegung engagiert habe. Auch Charme ist Kapital. Dieses muss entscheidend gewesen sein, als mein Wohnungsvermieter sich schlussendlich für die Bewerbung meiner Freundin und mir entschieden hat. In einem Fall konnte ich sogar mit einem Kapital eine Rechnung in Höhe von 79,90 Euro bezahlen, ohne Geld einsetzen zu müssen. Hier setzte ich meine Pressekontakte ein, die ich im Verlaufe meiner PR-Tätigkeiten in einem Büro gesammelt hatte.
Arbeiten für Karma.
All diese anderen Kapitale, die jeder von uns besitzt, stehen meines Erachtens dem Kapital Geld in Nichts nach. Als Student jobbte ich bei Burger King in der Nachtschicht. Damals dachte ich, Arbeit ist wie ein Deal. Ein Tauschgeschäft. Ich tausche meine Arbeitskraft gegen Geld. Und mit diesem Geld kann ich mich dann um mein Glück kümmern. Heute denke ich anders. Fast ein Drittel meines Lebens verbringe ich bei meiner Arbeit als Architekt. Wofür? Für Geld, welches ich dann in der übrig bleibenden Zeit meines Lebens gegen Glück eintausche? Also für die wenigen Stunden pro Tag und die wenigen Wochen Urlaub im Jahr?
Nein, ich habe mir vorgenommen, nicht mehr für Geld zu arbeiten. Sondern für Karma. Deswegen versuche ich bereits während der Arbeitszeit mein Glück zu finden. Wie? Indem ich versuche meine Arbeit so zu gestalten, dass es viele Bedürfnisse deckt. Zum Beispiel das nach geistigem Wachstum, das nach Anerkennung und das nach sozialen Kontakten. Das ist sicherlich nicht in jedem Büro möglich. Aber dennoch erstrebenswert. Egal ob Frittenbude oder Architekturagentur.
Schaut man in die Broschüren einer Bank, wundert man sich heute nicht mehr über die vielen Angebote und innovativen Konzepte, um Geld zu vermehren. Man hat sich daran gewöhnt, dass es beim Thema Geld einfach viele Angebote gibt „Wer Millionär werden will, darf nicht für sein Geld arbeiten“ rät Money-Coach Bodo Schäfer „das Geld muss für sich selbst arbeiten.“ Doch Geld ist doch nur Messinstrument, nicht mehr als Liter oder Zentimeter, wie Wolf Lotter erkannt hat. Nur eines von vielen Kapitalen.
Komisch, warum sich die Menschen soviel Gedanken über Geld machen, und arbeiten bis zum Umfallen, um immer nur Geld anzuhäufen. Eigentlich müssten wir mit gleicher Intensität auch in unsere anderen Kapitale investieren: Zeit, Glück, guten Schlaf, gutes Essen, Kritikfähigkeit, Freundschaft und Liebe.
Dienstag, 23. September 2008
Freitag, 16. Mai 2008
Nebel - rückwärts geschrieben
von Roman Libbertz
In der Nacht, des Abends und untertags das Grau-Schwarz, durchbrochen nur durch die Lichter hinter den Augen. Taumelnd in sich, weiter in sicherere Fahrwasser. Strebend. Immer, immer und immer voran. Tag - täglich, Woche - wöchentlich, Jahr - jährlich. Es sind die Glücksmomente, zu fassen aufgrund ihrer Verweildauer unmöglich. Von Einem zum Nächsten an Lianen zwischen dem Stadtbeton. Es ist nicht so schlecht, wie viele es machen wollen. Es ist nicht gut oder gar mies. Es ist nunmal und die Lichter überwiegen, bei mir jedenfalls. Ich im Glück!?
In der Nacht, des Abends und untertags das Grau-Schwarz, durchbrochen nur durch die Lichter hinter den Augen. Taumelnd in sich, weiter in sicherere Fahrwasser. Strebend. Immer, immer und immer voran. Tag - täglich, Woche - wöchentlich, Jahr - jährlich. Es sind die Glücksmomente, zu fassen aufgrund ihrer Verweildauer unmöglich. Von Einem zum Nächsten an Lianen zwischen dem Stadtbeton. Es ist nicht so schlecht, wie viele es machen wollen. Es ist nicht gut oder gar mies. Es ist nunmal und die Lichter überwiegen, bei mir jedenfalls. Ich im Glück!?
Sonntag, 24. Februar 2008
Was ist ein guter Vater?
Hast du schon gegessen? Hast du dich warm angezogen? Arbeite nicht so lange! Geh nicht so spät schlafen. Papa, ich bin 31. Wann hört das endlich auf?
Von Prime Lee
Verheulte Augen. Ich denke, die beiden Putzfrauen haben es nicht bemerkt. Eigentlich kann es mir ja auch egal sein. Das sind ja keine Arbeitskollegen in dem Sinne. Warum es mich auch gerade jetzt überkommt. Bei der Arbeit. Zum Glück ist es Sonntag, Bis auf die beiden Putzfrauen, die hier durch die Etage fegen, bin ich allein. Die Sonne geht unter, ohne dass es rot wird. Ein Straßenfest, welches ich hier aus dem dritten Stock des ehemaligen Fabrikgebäudes sehen kann, hat sich aufgelöst. Der Tag geht, und meine Gefühle brechen aus.
Zum Glück habe ich Papa erreicht. Wie unerträglich wäre es für mich gewesen, wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Ohne dass ich ihm diese wichtigen Worte noch sagen hätte können. Das hätte mich gequält, vielleicht mein Leben lang. Nicht, dass irgendein Unheil oder eine Krankheit bevorsteht. Nein, das nicht. Papa geht es den Umständen entsprechend gut. Sein Blutdruck spinnt manchmal rum, und verunsichert ihn stark, aber ich denke doch, nichts Lebensbedrohliches.
Zum Glück konnte ich es ihm noch sagen. Gestern am Telefon hatte er sich zum ersten Mal in meinem Leben bei mir entschuldigt. Klingt hart, aber Papa meint, dass sich Familienangehörige untereinander nicht zu entschuldigen brauchen. Die Nachsicht und das Vergeben muss immer schneller sein als die Entschuld. Ich hatte meinen Mund kaum aufbekommen und hatte absichtlich leise und lustlos geredet. Um ihm offenbar ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich war gestern sichtlich unzufrieden mit meinem Schaffen. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag im Büro zu verbringen, um einige Dinge abzuarbeiten. Aber ich war zu träge, bin einfach nicht dazu gekommen. Ich wollte wenigstens noch die verbleibenden zwei Stunden ins Atelier, bevor ich mit Emma zum Geburtstag verabredet war. Doch dann rief Papa an, und hielt mich ab. Immer das Gleiche, mach dies, mach das, mach dies nicht, mach das nicht. Nein, widerufe unbedingt den Bausparvertrag, den du letzte Woche abgeschlossen hast. Die bescheissen dich. Geh nicht so spät schlafen. Warum bist du so dünn geworden. Isst du denn nichts mehr? Das nervt.
Ich habe das meiner Nachbarin Daniela erzählt und es entzückte sie. Sie meinte, sie würde sich das wünschen, dass ihre Eltern in Italien sie auch mal anrufen würden, und nach ihr fragen würden. Papa ruft mich jeden Tag an.
Hm, das hat mich nachdenklich gemacht. Offenbar befinde ich mich in einer Situation, die ich unausstehlich finde, die sich jedoch andere herbeisehnen.
Vielleicht war das der Grund, warum ich Papa am Telefon nicht gleich abgewürgt habe wie sonst. Ich habe ihm einfach zugehört und so lange geredet, bis er das Gespräch für beendet erklärt.
Verdammt, wie undankbar ich doch bin.
Beim Geburtstag von Emmas Mama betraten wir ein Fabrikgelände in einem der typischen Hinterhöfe Berlins in Mitte. Ich war beeindruckt, ein Dachgeschoss, welches zum Loftatelier umfunktioniert wurde mit Dachstuhlverstrebungen und schönen großformatigen OSB-Platten auf dem Boden. Alle weiß lackiert. Ganz nach meinem Geschmack. Dieses Atelier hat Emmas Papa gehört? Sie ist praktisch mit dem aufgewachsen, was ich mir für meine Zukunft erträume, so einen großen Raum, den ich ganz ohne Wände frei einrichten kann. Das, was in meinem inneren Auge so abstrakt vor mir her schwebte, kannte Emma bereits. Das fand ich irre.
Hier findet also der Geburtstag statt von Emmas Mama. An den Wänden Gedichte von Ullrich, dem geliebten Vater und Ehemann. Viele Fotomontagen und andere Kunstwerke hingen an der Wand, als wären sie erst vor wenigen Tagen erstellt worden.
Das Regal an der hinteren Wand birgt all die Dinge, die Ullrich abgestellt hatte. Eine Blasinstrumentsammlung, eine Sammlung unterschiedlicher Haarbürsten, Papiere, Werkzeuge. Das, was Denker im Hinterkopf parken, hatte Ullrich ins Regal abgestellt. Ein Schreibtisch in der Ecke sah sehr belebt aus. Als ob Ullrich nur mal für ein paar Tage verschwunden ist, um sich später wieder an seinen Arbeitsplatz zu setzen. Doch Ullrich wird nicht wiederkehren. Ullrich ist tot, vor drei Jahren qualvoll an Krebs gestorben. Liebevoll wurde er von seiner Familie zu Hause gepflegt, bis er sich weigerte, die Tabletten zu nehmen, die sein schmerzvolles Halbdasein nur hinauszögerte. Wie sehr muss dieser Mann beliebt sein. Als Therapeut half er vielen jungen Menschen. Die zeigen sich noch heute verbindlich, den Hinterbliebenen gegenüber. Sie kommen im Schichtwechsel zu Emmas Mama nach Hause um zu putzen. Außerdem haben sie das Loft von Ullrich übernommen, aber nicht um darin zu arbeiten, sondern einfach um das bisschen, was von Ullrich übrig bleibt, zu erhalten.
Ich dachte mir, wie absurd. Die Miete muss sehr teuer sein, und sie nehmen diese Bürde nur deswegen auf sich, um irgendwas von Ullrich in ihr Leben zu retten. Doch Ullrich ist nicht mehr da. Auch das Loft wird ihn nicht lebendig machen. Wenn Ullrich am Leben wäre, ich kann mir vorstellen, dass er sich nicht gewünscht hätte, dass man aus seinem Atelier ein Museum macht. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es sein Wunsch gewesen wäre, dass seine geliebte Frau wieder glücklich wird, dass sie nicht in ihrer Wohnung alles stehen und liegen lässt, um den Platz zu markieren, der ihm vorbehalten ist. Dem Mann im Hause, dem Mann in ihrem Herzen.
Ich denke mal, dass Ullrich, der ja als Künstler damit zu tun hatte, aus Bestehendem etwas Neues zu schaffen, sich sehr freuen würde, wenn die Hinterbliebenen ebenso reagieren würden: Aus dem, was da ist, etwas neues schaffen. Etwas, was sie glücklich macht. Auch wenn es keinem gelingen sollte, seinen Verein BerlinArt e.V. weiterzuführen, so könnte man doch das Atelier zumindest denjenigen zur Verfügung stellen, die ähnlich tolle Ideen hatten, um sie zu unterstützen. Damit etwas neues entsteht. Meiner Meinung nach lebt Ullrich in einer neuen lebendigen Sache eher weiter, als in einem alten verstaubten Kunstwerk, dass alle doch nur traurig macht.
Es ist für mich sehr klar. Die Leute wollen ihn nicht gehen lassen, halten ihn mit ganzer Kraft fest, als ob die Auflösung seines Lofts und seiner Bücher auch die Aufgabe der Erinnerungen an den Menschen gleich mit sich ziehen würde.
Meine Lösung war so einfach und gleichzeitig ignorant. Es bedarf einer Wandlung. Einer Kopfentscheidung. Eines bewusst gelebten Abschieds von der geliebten Person. Emma at es auf ihre Art gemacht, indem sie aus dem Elternhaus weggezogen ist.
Was das Loft betrifft, fallen mir drei Möglichkeiten ein:
1. Man betreibt auf diesen Flächen eine Ausstellung, die die Ideen Ullrichs aufgreift.
2. Falls das zu aufwändig ist, spendet man den Raum einem Verein, der nicht die Mittel hat.
3. Angehörige der Familie, die ein Unterschlupf suchen, sollen das Atelier bekommen und sich hier ihr neues Zuhause einrichten und ganz bewusst den Raum ihren Bedürfnissen anpassen, sich dem Raum annehmen. Ihn beleben.
4. Das Loft wird aufgeben mit einer Abschiedsfeier.
So stand ich da, mit meinem Masterplan, und dachte mir, ist doch ganz einfach.
Zum Glück habe ich diese Gedanken nur im Stillen formuliert und mit niemandem darüber gesprochen.
Alle hier auf der Geburtstagsfeier haben eine ganz besondere Beziehung zu Ullrich gehabt und waren über seinen Tod sehr traurig.
Und nun überkommt mich schlagartig eine Trauer, die meine Konzentration lahm legt. Ich weiss nicht so recht, was eigentlich genau der Auslöser ist. Irgendwie tat es mir so Leid, dass Ullrich nicht mehr lebt. Irgendwie hätte ich mich sehr darüber gefreut, ihn kennenzulernen. Mir gefallen seine Fotocollagen, seine Gedichte, sein Möbelgeschmack und seine Haltung. Damit die Kinder nicht in einem runter gekommenen Kindergarten unterkommen mussten, hat Ullrich einfach einen Zweitsitz organisiert, am Maybachufer, dort wo der Ausblick so schön ist, und dort, wo der gute Kindergarten ist. Den Raum hat er einfach auch als Atelier genutzt. Mir gefällt auch, was Emma mir erzählt hat über die Geburtstagszeremonien in der Familie. Das Geburtstagskind darf den ganzen Tag vor dem Geburtstag sein Zimmer nicht mehr betreten. Ullrich hatte es mit Girlanden geschmückt und überall im Zimmer Geschenke verstreut und Luftballons aufgehangen. Das hatte Wolfgang praktiziert bis er starb, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei der Mama. Der neunzehnte Geburtstag war der letzte, den Wolfgang vorbereitet hatte. Emma liebte ihren Geburtstag. Ich hätte noch so viel von ihm lernen können. Ullrich war ein großherziger Mensch, ein Mensch, den man einfach nur lieben kann.
Ich hatte Papa gestern am Telefon gesagt, dass ich seinetwegen nicht zur Arbeit gegangen war. Weil er morgens angerufen hatte, und so stark durch das Telefon gebrüllt hatte. Nicht um mich auszuschimpfen, sondern um mich zu warnen vor dem Bausparvertrag. Er hatte es gut gemeint, wie immer. Und ich hatte schlechte Laune, wie immer. Weil ich mich bevormundet fühle. Weil er mich nicht einfach machen lässt, so wie ich es als erwachsener Mensch ja auch machen darf.
Ich gab an, dass diese schlechte Laune der Grund dafür gewesen ist, dass ich nicht zur Arbeit gegangen bin. Das war gelogen. Was fällt mir ein, dass ich meinem Vater, der es doch nur gut meint, mit etwas zu strafen, was er nicht zu verantworten hat?
Ich dachte mir, wenn ihm jetzt etwas passiert und diese Worte bleiben unausgesprochen, dann wird es mich quälen. Also habe ich ihn angerufen, um ihm mitzuteilen, dass das nicht stimmt. Er muss kein schlechtes Gewissen haben. Und er wollte schon auflegen und ich wollte ihm auch noch sagen, dass ich gerade an ihn denke. Doch irgendwie habe ich mich nicht getraut.
Es muss schlimm sein, jemanden zu vermissen. Ich habe es schon lange nicht mehr. Meine Mutter vermisse ich eigentlich nicht. Zumindest nicht so sehr, dass es mich quält oder mir Schmerzen bereitet.
Doch in diesem Moment habe ich einfach meinen Vater vermisst.
Er sei gerade auf der Schlossstraße. Am Sonntag? Mediamarkt und Saturn haben zu. Was will er auf der Schlossstraße? Einfach spazieren, sagt er. Nein, ihm ist nicht langweilig, er fühlt sich nicht einsam. Okay, dann alles Gute und tschüss. Und bevor er auflegen konnte schob ich es noch eilig hinterher: Ich denke an dich, Papa.
Er fing an zu lachen und sagte, dass ihn das glücklich und froh macht. So, und jetzt, mein Sohn, arbeite schön und mach nicht so lange. Und komm später bei mir schlafen. Oder schläfst du bei Emma? Hast du dich warm angezogen? Hast du denn schon gegessen?
Ja, Papa.
Von Prime Lee
Verheulte Augen. Ich denke, die beiden Putzfrauen haben es nicht bemerkt. Eigentlich kann es mir ja auch egal sein. Das sind ja keine Arbeitskollegen in dem Sinne. Warum es mich auch gerade jetzt überkommt. Bei der Arbeit. Zum Glück ist es Sonntag, Bis auf die beiden Putzfrauen, die hier durch die Etage fegen, bin ich allein. Die Sonne geht unter, ohne dass es rot wird. Ein Straßenfest, welches ich hier aus dem dritten Stock des ehemaligen Fabrikgebäudes sehen kann, hat sich aufgelöst. Der Tag geht, und meine Gefühle brechen aus.
Zum Glück habe ich Papa erreicht. Wie unerträglich wäre es für mich gewesen, wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Ohne dass ich ihm diese wichtigen Worte noch sagen hätte können. Das hätte mich gequält, vielleicht mein Leben lang. Nicht, dass irgendein Unheil oder eine Krankheit bevorsteht. Nein, das nicht. Papa geht es den Umständen entsprechend gut. Sein Blutdruck spinnt manchmal rum, und verunsichert ihn stark, aber ich denke doch, nichts Lebensbedrohliches.
Zum Glück konnte ich es ihm noch sagen. Gestern am Telefon hatte er sich zum ersten Mal in meinem Leben bei mir entschuldigt. Klingt hart, aber Papa meint, dass sich Familienangehörige untereinander nicht zu entschuldigen brauchen. Die Nachsicht und das Vergeben muss immer schneller sein als die Entschuld. Ich hatte meinen Mund kaum aufbekommen und hatte absichtlich leise und lustlos geredet. Um ihm offenbar ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich war gestern sichtlich unzufrieden mit meinem Schaffen. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag im Büro zu verbringen, um einige Dinge abzuarbeiten. Aber ich war zu träge, bin einfach nicht dazu gekommen. Ich wollte wenigstens noch die verbleibenden zwei Stunden ins Atelier, bevor ich mit Emma zum Geburtstag verabredet war. Doch dann rief Papa an, und hielt mich ab. Immer das Gleiche, mach dies, mach das, mach dies nicht, mach das nicht. Nein, widerufe unbedingt den Bausparvertrag, den du letzte Woche abgeschlossen hast. Die bescheissen dich. Geh nicht so spät schlafen. Warum bist du so dünn geworden. Isst du denn nichts mehr? Das nervt.
Ich habe das meiner Nachbarin Daniela erzählt und es entzückte sie. Sie meinte, sie würde sich das wünschen, dass ihre Eltern in Italien sie auch mal anrufen würden, und nach ihr fragen würden. Papa ruft mich jeden Tag an.
Hm, das hat mich nachdenklich gemacht. Offenbar befinde ich mich in einer Situation, die ich unausstehlich finde, die sich jedoch andere herbeisehnen.
Vielleicht war das der Grund, warum ich Papa am Telefon nicht gleich abgewürgt habe wie sonst. Ich habe ihm einfach zugehört und so lange geredet, bis er das Gespräch für beendet erklärt.
Verdammt, wie undankbar ich doch bin.
Beim Geburtstag von Emmas Mama betraten wir ein Fabrikgelände in einem der typischen Hinterhöfe Berlins in Mitte. Ich war beeindruckt, ein Dachgeschoss, welches zum Loftatelier umfunktioniert wurde mit Dachstuhlverstrebungen und schönen großformatigen OSB-Platten auf dem Boden. Alle weiß lackiert. Ganz nach meinem Geschmack. Dieses Atelier hat Emmas Papa gehört? Sie ist praktisch mit dem aufgewachsen, was ich mir für meine Zukunft erträume, so einen großen Raum, den ich ganz ohne Wände frei einrichten kann. Das, was in meinem inneren Auge so abstrakt vor mir her schwebte, kannte Emma bereits. Das fand ich irre.
Hier findet also der Geburtstag statt von Emmas Mama. An den Wänden Gedichte von Ullrich, dem geliebten Vater und Ehemann. Viele Fotomontagen und andere Kunstwerke hingen an der Wand, als wären sie erst vor wenigen Tagen erstellt worden.
Das Regal an der hinteren Wand birgt all die Dinge, die Ullrich abgestellt hatte. Eine Blasinstrumentsammlung, eine Sammlung unterschiedlicher Haarbürsten, Papiere, Werkzeuge. Das, was Denker im Hinterkopf parken, hatte Ullrich ins Regal abgestellt. Ein Schreibtisch in der Ecke sah sehr belebt aus. Als ob Ullrich nur mal für ein paar Tage verschwunden ist, um sich später wieder an seinen Arbeitsplatz zu setzen. Doch Ullrich wird nicht wiederkehren. Ullrich ist tot, vor drei Jahren qualvoll an Krebs gestorben. Liebevoll wurde er von seiner Familie zu Hause gepflegt, bis er sich weigerte, die Tabletten zu nehmen, die sein schmerzvolles Halbdasein nur hinauszögerte. Wie sehr muss dieser Mann beliebt sein. Als Therapeut half er vielen jungen Menschen. Die zeigen sich noch heute verbindlich, den Hinterbliebenen gegenüber. Sie kommen im Schichtwechsel zu Emmas Mama nach Hause um zu putzen. Außerdem haben sie das Loft von Ullrich übernommen, aber nicht um darin zu arbeiten, sondern einfach um das bisschen, was von Ullrich übrig bleibt, zu erhalten.
Ich dachte mir, wie absurd. Die Miete muss sehr teuer sein, und sie nehmen diese Bürde nur deswegen auf sich, um irgendwas von Ullrich in ihr Leben zu retten. Doch Ullrich ist nicht mehr da. Auch das Loft wird ihn nicht lebendig machen. Wenn Ullrich am Leben wäre, ich kann mir vorstellen, dass er sich nicht gewünscht hätte, dass man aus seinem Atelier ein Museum macht. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es sein Wunsch gewesen wäre, dass seine geliebte Frau wieder glücklich wird, dass sie nicht in ihrer Wohnung alles stehen und liegen lässt, um den Platz zu markieren, der ihm vorbehalten ist. Dem Mann im Hause, dem Mann in ihrem Herzen.
Ich denke mal, dass Ullrich, der ja als Künstler damit zu tun hatte, aus Bestehendem etwas Neues zu schaffen, sich sehr freuen würde, wenn die Hinterbliebenen ebenso reagieren würden: Aus dem, was da ist, etwas neues schaffen. Etwas, was sie glücklich macht. Auch wenn es keinem gelingen sollte, seinen Verein BerlinArt e.V. weiterzuführen, so könnte man doch das Atelier zumindest denjenigen zur Verfügung stellen, die ähnlich tolle Ideen hatten, um sie zu unterstützen. Damit etwas neues entsteht. Meiner Meinung nach lebt Ullrich in einer neuen lebendigen Sache eher weiter, als in einem alten verstaubten Kunstwerk, dass alle doch nur traurig macht.
Es ist für mich sehr klar. Die Leute wollen ihn nicht gehen lassen, halten ihn mit ganzer Kraft fest, als ob die Auflösung seines Lofts und seiner Bücher auch die Aufgabe der Erinnerungen an den Menschen gleich mit sich ziehen würde.
Meine Lösung war so einfach und gleichzeitig ignorant. Es bedarf einer Wandlung. Einer Kopfentscheidung. Eines bewusst gelebten Abschieds von der geliebten Person. Emma at es auf ihre Art gemacht, indem sie aus dem Elternhaus weggezogen ist.
Was das Loft betrifft, fallen mir drei Möglichkeiten ein:
1. Man betreibt auf diesen Flächen eine Ausstellung, die die Ideen Ullrichs aufgreift.
2. Falls das zu aufwändig ist, spendet man den Raum einem Verein, der nicht die Mittel hat.
3. Angehörige der Familie, die ein Unterschlupf suchen, sollen das Atelier bekommen und sich hier ihr neues Zuhause einrichten und ganz bewusst den Raum ihren Bedürfnissen anpassen, sich dem Raum annehmen. Ihn beleben.
4. Das Loft wird aufgeben mit einer Abschiedsfeier.
So stand ich da, mit meinem Masterplan, und dachte mir, ist doch ganz einfach.
Zum Glück habe ich diese Gedanken nur im Stillen formuliert und mit niemandem darüber gesprochen.
Alle hier auf der Geburtstagsfeier haben eine ganz besondere Beziehung zu Ullrich gehabt und waren über seinen Tod sehr traurig.
Und nun überkommt mich schlagartig eine Trauer, die meine Konzentration lahm legt. Ich weiss nicht so recht, was eigentlich genau der Auslöser ist. Irgendwie tat es mir so Leid, dass Ullrich nicht mehr lebt. Irgendwie hätte ich mich sehr darüber gefreut, ihn kennenzulernen. Mir gefallen seine Fotocollagen, seine Gedichte, sein Möbelgeschmack und seine Haltung. Damit die Kinder nicht in einem runter gekommenen Kindergarten unterkommen mussten, hat Ullrich einfach einen Zweitsitz organisiert, am Maybachufer, dort wo der Ausblick so schön ist, und dort, wo der gute Kindergarten ist. Den Raum hat er einfach auch als Atelier genutzt. Mir gefällt auch, was Emma mir erzählt hat über die Geburtstagszeremonien in der Familie. Das Geburtstagskind darf den ganzen Tag vor dem Geburtstag sein Zimmer nicht mehr betreten. Ullrich hatte es mit Girlanden geschmückt und überall im Zimmer Geschenke verstreut und Luftballons aufgehangen. Das hatte Wolfgang praktiziert bis er starb, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei der Mama. Der neunzehnte Geburtstag war der letzte, den Wolfgang vorbereitet hatte. Emma liebte ihren Geburtstag. Ich hätte noch so viel von ihm lernen können. Ullrich war ein großherziger Mensch, ein Mensch, den man einfach nur lieben kann.
Ich hatte Papa gestern am Telefon gesagt, dass ich seinetwegen nicht zur Arbeit gegangen war. Weil er morgens angerufen hatte, und so stark durch das Telefon gebrüllt hatte. Nicht um mich auszuschimpfen, sondern um mich zu warnen vor dem Bausparvertrag. Er hatte es gut gemeint, wie immer. Und ich hatte schlechte Laune, wie immer. Weil ich mich bevormundet fühle. Weil er mich nicht einfach machen lässt, so wie ich es als erwachsener Mensch ja auch machen darf.
Ich gab an, dass diese schlechte Laune der Grund dafür gewesen ist, dass ich nicht zur Arbeit gegangen bin. Das war gelogen. Was fällt mir ein, dass ich meinem Vater, der es doch nur gut meint, mit etwas zu strafen, was er nicht zu verantworten hat?
Ich dachte mir, wenn ihm jetzt etwas passiert und diese Worte bleiben unausgesprochen, dann wird es mich quälen. Also habe ich ihn angerufen, um ihm mitzuteilen, dass das nicht stimmt. Er muss kein schlechtes Gewissen haben. Und er wollte schon auflegen und ich wollte ihm auch noch sagen, dass ich gerade an ihn denke. Doch irgendwie habe ich mich nicht getraut.
Es muss schlimm sein, jemanden zu vermissen. Ich habe es schon lange nicht mehr. Meine Mutter vermisse ich eigentlich nicht. Zumindest nicht so sehr, dass es mich quält oder mir Schmerzen bereitet.
Doch in diesem Moment habe ich einfach meinen Vater vermisst.
Er sei gerade auf der Schlossstraße. Am Sonntag? Mediamarkt und Saturn haben zu. Was will er auf der Schlossstraße? Einfach spazieren, sagt er. Nein, ihm ist nicht langweilig, er fühlt sich nicht einsam. Okay, dann alles Gute und tschüss. Und bevor er auflegen konnte schob ich es noch eilig hinterher: Ich denke an dich, Papa.
Er fing an zu lachen und sagte, dass ihn das glücklich und froh macht. So, und jetzt, mein Sohn, arbeite schön und mach nicht so lange. Und komm später bei mir schlafen. Oder schläfst du bei Emma? Hast du dich warm angezogen? Hast du denn schon gegessen?
Ja, Papa.
Samstag, 15. Dezember 2007
Eines Tages errettest Du mich
von Roman Libbertz
dann sind wir für immer freunde,
du lässt mich in dein Herz,
und das wärmt sogar im winter.
draussen spielen Kinder,
ich höre ihr Lachen bis hierher,
und wünsche es könnte ebenso sein,
hunderte Autos rasen vorbei,
tausende Menschen sind verkopft,
und selbst eine Umarmung ist manchmal schwer zu bekommen,
dann öffnest du die tür,
ich halte und schütze dich in meinen Armen,
und kein Regen kann uns verdriessen.
eines tages,
irgendwann werde ich in deine Augen sehen
und dann werden wir nie wieder allein sein......
dann sind wir für immer freunde,
du lässt mich in dein Herz,
und das wärmt sogar im winter.
draussen spielen Kinder,
ich höre ihr Lachen bis hierher,
und wünsche es könnte ebenso sein,
hunderte Autos rasen vorbei,
tausende Menschen sind verkopft,
und selbst eine Umarmung ist manchmal schwer zu bekommen,
dann öffnest du die tür,
ich halte und schütze dich in meinen Armen,
und kein Regen kann uns verdriessen.
eines tages,
irgendwann werde ich in deine Augen sehen
und dann werden wir nie wieder allein sein......
Montag, 26. November 2007
Donnerstag, 18. Oktober 2007
Er wollte doch nur "scoren".
von MC Winkel
Ich hatte mal einen Freund namens Sven, der sich recht häufig beschwerte. Sven beschwerte sich, dass es regnete. Er fand es zum Kotzen, was die Herren Politker ‘dort oben’ sich so alles erlaubten. Er beklagte, dass sein Verein in der laufenden Saison wieder nur im unteren Mittelfeld spielte und er jammerte täglich, dass seit der Einführung des Euro alles doppelt so teuer geworden ist. Am meisten lamentierte Sven aber, dass er nie was zu vögeln bekam. Und auch wenn ich es solchen Heulsusen eigentlich nicht gönne - er war ein Freund; ich musste ihm helfen.
Ende der Neunziger gab es in Kiel eine stadtbekannte, in Herrenkreisen immer gern gesehene Lebefrau, Verena. Sie feierte mit uns Männern und stand dem Getränkekonsum der meisten von uns in nichts nach. Ein weiterer Vorteil war ihre Extrovertiertheit, die sie u.a. an jeder beliebigen Laterne tabledancen liess und als wenn das alles noch nicht genug war: Verena war ziemlich forsch was häufig wechselnde Liaisons betraf und sah exorbitant gut aus. Ich hatte ihre Nummer und den Plan, sie mit Freundin Imke am Wochende zu mir zu lotsen. Dann würde ich Sven dazu bestellen, etwas kochen, doof herumreden, dazu etwas trinken und später hätte er dann sogar die Wahl! Sowas ist doch so sicher wie das “als Maxi-Menü?” beim Schotten, eher sonnt sich ein Albino Mittags uneingecremt in Santa Domingo, als das Sven hier nicht triumphiert.
Es lief alles super. Die beiden sagten zu, Sven fand die Idee gut, kam und kochte Jambalaya für alle (was ihm auch hervorragend gelang!), zum und nach dem Essen tranken wir 3 Flaschen Rotwein und irgendwann stellte ich obligatorisch fest: “Uups! Jetzt kann aber keiner mehr fahren, hm?! Lasst uns doch einfach alle hier bleiben!”. Die gesamte Runde nickte und frug nach weiterem Alkohol. Ich bat Sven, mir in die Küche zu folgen. “Dicker, welches Schweinderl hättest’ denn gern?”. “Also ich find’ die Verena ja ziemlich ansprechend. Aber da warst Du ja schon bei!”. “Ja, ich und die über 50% der Regional-Oberliga inkl. Trainerstab, sämtliche Mitarbeiter des Luna, Joy, Max, Michelles, Velvet und der Bergstraße, die gesamte Offense der Baltic Hurricanes, 60% der Typen aller kaufmännischen Berufschulklassen des[…]” - “JA, ist gut!”, unterbrach er mich, “habe ja Kondome mit. Zur Not ginge aber auch Imke!”. Wie er wollte.
Irgendwann war dann Bettgehzeit. Ich wollte am folgenden Samstag etwas früher aufstehen und machte mich gegen halb zwei auf den Weg ins Bett. “Sven, Du schläfst vorne auf der Couch, okay?! Bettzeug habe ich rausgelgt. Und kümmer’ dich um die Mädels.”, sagte ich und sah im Augenwinkel, wie Verena sehr schnell ihr letzte Glas Sekt stürzte. “Warte, ich bin auch müde!”, sie sprang auf und verabschiedete sich gekonnt vom Rest, “schlaft gut, ihr Zwei!”, gefolgt von einem Handkuss. Na gut, also die Vroni. Sie weiss ja, wo alles ist. Ich hoffte nur, dass Sven mit Imke klarkommen würde, liess es mir aber nicht nehmen, es mir ebenfalls gemütlich zu machen. Was ich kurzzeitig nicht ins Kalkül zog: Verena schrie in Extase stets so laut, als hätte sich ein Epiliergerät in ihrem Schambereich verfangen. Als sie das letzte Mal zu Besuch war, fragten mich die Nachbarn am nächsten Morgen, ob mir mein Meniskus wieder übel mitspielen würde. Ich konnte mich gerade noch mit Zen und Wadenkrämpfen rausreden.
Am nächsten Morgen war sie weg. Darüber war ich ganz froh, auf ein Frühstück zu viert hatte ich wenig Lust, außerdem würde ich dann ja auch die Scoring-Erfolgsgeschichten von Sven nur gefiltert bekommen. Ich bereitete gerade den Espresso zu, als Sven in die Küche kam. “Sven min Jung!”, strahlte ich ihn an, “Vertell! Wieviele Seiten müssen wir dem Kamasutra hinzufügen, hm?”. “Keine, Alter. Ich weiss auch nicht, was ich wieder falsch gemacht habe. Sie sagt, ich sei zwar nett, aber Verena hätte ihr erzählt, dass ich immer nur dann Tangas sehe, wenn ich sie selbst trüge. Außerdem hatte sie wohl die Russen im Keller!”. “Oh. Ja. Also das tut mir leid. So ein Pech aber wieder auch!”. “Und dann schreit diese Verena-Kuh auch noch so laut; das war selbst der Imke unangenehm. Und Werder verliert heute bestimmt auch wieder.”.
Leider ja. Zuhause, 1:4.
Ich hatte mal einen Freund namens Sven, der sich recht häufig beschwerte. Sven beschwerte sich, dass es regnete. Er fand es zum Kotzen, was die Herren Politker ‘dort oben’ sich so alles erlaubten. Er beklagte, dass sein Verein in der laufenden Saison wieder nur im unteren Mittelfeld spielte und er jammerte täglich, dass seit der Einführung des Euro alles doppelt so teuer geworden ist. Am meisten lamentierte Sven aber, dass er nie was zu vögeln bekam. Und auch wenn ich es solchen Heulsusen eigentlich nicht gönne - er war ein Freund; ich musste ihm helfen.
Ende der Neunziger gab es in Kiel eine stadtbekannte, in Herrenkreisen immer gern gesehene Lebefrau, Verena. Sie feierte mit uns Männern und stand dem Getränkekonsum der meisten von uns in nichts nach. Ein weiterer Vorteil war ihre Extrovertiertheit, die sie u.a. an jeder beliebigen Laterne tabledancen liess und als wenn das alles noch nicht genug war: Verena war ziemlich forsch was häufig wechselnde Liaisons betraf und sah exorbitant gut aus. Ich hatte ihre Nummer und den Plan, sie mit Freundin Imke am Wochende zu mir zu lotsen. Dann würde ich Sven dazu bestellen, etwas kochen, doof herumreden, dazu etwas trinken und später hätte er dann sogar die Wahl! Sowas ist doch so sicher wie das “als Maxi-Menü?” beim Schotten, eher sonnt sich ein Albino Mittags uneingecremt in Santa Domingo, als das Sven hier nicht triumphiert.
Es lief alles super. Die beiden sagten zu, Sven fand die Idee gut, kam und kochte Jambalaya für alle (was ihm auch hervorragend gelang!), zum und nach dem Essen tranken wir 3 Flaschen Rotwein und irgendwann stellte ich obligatorisch fest: “Uups! Jetzt kann aber keiner mehr fahren, hm?! Lasst uns doch einfach alle hier bleiben!”. Die gesamte Runde nickte und frug nach weiterem Alkohol. Ich bat Sven, mir in die Küche zu folgen. “Dicker, welches Schweinderl hättest’ denn gern?”. “Also ich find’ die Verena ja ziemlich ansprechend. Aber da warst Du ja schon bei!”. “Ja, ich und die über 50% der Regional-Oberliga inkl. Trainerstab, sämtliche Mitarbeiter des Luna, Joy, Max, Michelles, Velvet und der Bergstraße, die gesamte Offense der Baltic Hurricanes, 60% der Typen aller kaufmännischen Berufschulklassen des[…]” - “JA, ist gut!”, unterbrach er mich, “habe ja Kondome mit. Zur Not ginge aber auch Imke!”. Wie er wollte.
Irgendwann war dann Bettgehzeit. Ich wollte am folgenden Samstag etwas früher aufstehen und machte mich gegen halb zwei auf den Weg ins Bett. “Sven, Du schläfst vorne auf der Couch, okay?! Bettzeug habe ich rausgelgt. Und kümmer’ dich um die Mädels.”, sagte ich und sah im Augenwinkel, wie Verena sehr schnell ihr letzte Glas Sekt stürzte. “Warte, ich bin auch müde!”, sie sprang auf und verabschiedete sich gekonnt vom Rest, “schlaft gut, ihr Zwei!”, gefolgt von einem Handkuss. Na gut, also die Vroni. Sie weiss ja, wo alles ist. Ich hoffte nur, dass Sven mit Imke klarkommen würde, liess es mir aber nicht nehmen, es mir ebenfalls gemütlich zu machen. Was ich kurzzeitig nicht ins Kalkül zog: Verena schrie in Extase stets so laut, als hätte sich ein Epiliergerät in ihrem Schambereich verfangen. Als sie das letzte Mal zu Besuch war, fragten mich die Nachbarn am nächsten Morgen, ob mir mein Meniskus wieder übel mitspielen würde. Ich konnte mich gerade noch mit Zen und Wadenkrämpfen rausreden.
Am nächsten Morgen war sie weg. Darüber war ich ganz froh, auf ein Frühstück zu viert hatte ich wenig Lust, außerdem würde ich dann ja auch die Scoring-Erfolgsgeschichten von Sven nur gefiltert bekommen. Ich bereitete gerade den Espresso zu, als Sven in die Küche kam. “Sven min Jung!”, strahlte ich ihn an, “Vertell! Wieviele Seiten müssen wir dem Kamasutra hinzufügen, hm?”. “Keine, Alter. Ich weiss auch nicht, was ich wieder falsch gemacht habe. Sie sagt, ich sei zwar nett, aber Verena hätte ihr erzählt, dass ich immer nur dann Tangas sehe, wenn ich sie selbst trüge. Außerdem hatte sie wohl die Russen im Keller!”. “Oh. Ja. Also das tut mir leid. So ein Pech aber wieder auch!”. “Und dann schreit diese Verena-Kuh auch noch so laut; das war selbst der Imke unangenehm. Und Werder verliert heute bestimmt auch wieder.”.
Leider ja. Zuhause, 1:4.
Freitag, 12. Oktober 2007
Song meines Lebens
von Nilz Bokelberg
Es war ende April. Wir waren jetzt schon ein oder zwei Monate hier. Nachdem wir die Riesenaltbauwohnung im Szeneviertel bezogen haben, war natürlich ersteinmal ein ausgedehnter Ikeaeinkauf nötig, denn besonders viele Möbel haben sich bei uns beiden nicht angesammelt über die Jahre. Noch wenige Wochen dann sollte es endlich so weit sein. Unser Kind sollte zur Welt kommen. War zumindest ausgerechnet. Wir rechneten jeden Augenblick damit. Wie ist das wohl, wenn plötzlich die Fruchtblase platzt?
Immer öfter ging sie vor mir ins Bett. Es war auch sicher sehr anstrengend für sie. Aber der Frühling war schön. Ich kaufte mir ein Lastenrad (die mit dem Eisenkorb vorne dran), wir legten Kissen rein und so chauffierte ich sie durch Hamburg. Zur Eisdiele, oder einfach nur spazierenfahren. Die Leute denen wir begegneten lachten, freuten sich mit uns, freuten sich weil sie für einen kurzen Augenblick das wahre Glück sahen. Weil sie erlebten wieviel Spass, wie romantisch und verliebt zwei sein können, die sich offenbar gefunden haben. Sie lachte viel, winkte jedem dem wir entgegen kamen. Und alle winkten sie zurück. Dem Mädchen mit der grossen Kugel unterm Kleid vor dem Lenker des Fahrrads.
Natürlich gingen wir nicht mehr aus. Wir waren jetzt allein in unserer grossen Wohnung. Abends kochte ich und dann sahen wir fern. Irgendwas. Was halt gerade so lief. Oder wir guckten eine Dvd. oder sie guckte mir zu wie ich "Ico" spielte. So verbrachten wir die Abende. Es war schön, aber etwas fehlte mir. Ich weiss nicht was es war, da war irgendeine sehnsucht. Raus zu gehen. Andere Menschen zu sehen. Zu schreien wenn der Dj dein Lieblingslied spielt. Einen Drink in der Hand zu halten. Zu schwitzen. Verraucht zu sein. Ich wusste, all das war für sie jetzt nicht möglich, klar. Und ich solidarisierte mich gerne mit ihr. Logisch. Aber ich dachte, sie hat diese Sehnsucht auch. Vielleicht nicht so ausgeprägt wie ich, aber zu einem kleinen Teil ist sie in ihr.
Sie war schon im Bett. Heute hätte man auch ausgehen können. Aber es war zu kurz davor. Kein Risiko eingehen. So sass ich alleine im Wohnzimmer. Sie schlief schon 2, 3 Stunden. Ich packte die Cd in den Player. Ja, das Lied wäre perfekt. Dann stellte ich ein paar wenige Kerzen auf. Ich ging ins Schlafzimmer. Sie war so schön wenn sie schlief. Ich weckte sie auf. Mitten in der Nacht. Was denn los sei, fragte sie verpennt. "Komm einfach mit. Ich zeig dir was."
Sie schlurfte mir verschlafen hinterher. Ich hielt ihre Hand. Als wir im Wohnzimmer waren, liess ich sie kurz stehen, beugte mich zum Cd-player, und startete "Girl from Ipanema" in der wunderschön zurückhaltenden Vince Guaraldi-Version. Dann ging ich zu ihr. Sie hatte ein riesen Fragezeichen über ihrem Kopf. Ich lächelte sie an. "Mitternacht Süsse. Würdest du mit mir in den Mai tanzen?" Sie lachte, stockte, fiel mir um den Hals. Eng umschlungen tanzten wir, vergassen alles um uns herum. Und weinten. Vor Glück. Unser ganz kleines eigenes Glück.
Es war ende April. Wir waren jetzt schon ein oder zwei Monate hier. Nachdem wir die Riesenaltbauwohnung im Szeneviertel bezogen haben, war natürlich ersteinmal ein ausgedehnter Ikeaeinkauf nötig, denn besonders viele Möbel haben sich bei uns beiden nicht angesammelt über die Jahre. Noch wenige Wochen dann sollte es endlich so weit sein. Unser Kind sollte zur Welt kommen. War zumindest ausgerechnet. Wir rechneten jeden Augenblick damit. Wie ist das wohl, wenn plötzlich die Fruchtblase platzt?
Immer öfter ging sie vor mir ins Bett. Es war auch sicher sehr anstrengend für sie. Aber der Frühling war schön. Ich kaufte mir ein Lastenrad (die mit dem Eisenkorb vorne dran), wir legten Kissen rein und so chauffierte ich sie durch Hamburg. Zur Eisdiele, oder einfach nur spazierenfahren. Die Leute denen wir begegneten lachten, freuten sich mit uns, freuten sich weil sie für einen kurzen Augenblick das wahre Glück sahen. Weil sie erlebten wieviel Spass, wie romantisch und verliebt zwei sein können, die sich offenbar gefunden haben. Sie lachte viel, winkte jedem dem wir entgegen kamen. Und alle winkten sie zurück. Dem Mädchen mit der grossen Kugel unterm Kleid vor dem Lenker des Fahrrads.
Natürlich gingen wir nicht mehr aus. Wir waren jetzt allein in unserer grossen Wohnung. Abends kochte ich und dann sahen wir fern. Irgendwas. Was halt gerade so lief. Oder wir guckten eine Dvd. oder sie guckte mir zu wie ich "Ico" spielte. So verbrachten wir die Abende. Es war schön, aber etwas fehlte mir. Ich weiss nicht was es war, da war irgendeine sehnsucht. Raus zu gehen. Andere Menschen zu sehen. Zu schreien wenn der Dj dein Lieblingslied spielt. Einen Drink in der Hand zu halten. Zu schwitzen. Verraucht zu sein. Ich wusste, all das war für sie jetzt nicht möglich, klar. Und ich solidarisierte mich gerne mit ihr. Logisch. Aber ich dachte, sie hat diese Sehnsucht auch. Vielleicht nicht so ausgeprägt wie ich, aber zu einem kleinen Teil ist sie in ihr.
Sie war schon im Bett. Heute hätte man auch ausgehen können. Aber es war zu kurz davor. Kein Risiko eingehen. So sass ich alleine im Wohnzimmer. Sie schlief schon 2, 3 Stunden. Ich packte die Cd in den Player. Ja, das Lied wäre perfekt. Dann stellte ich ein paar wenige Kerzen auf. Ich ging ins Schlafzimmer. Sie war so schön wenn sie schlief. Ich weckte sie auf. Mitten in der Nacht. Was denn los sei, fragte sie verpennt. "Komm einfach mit. Ich zeig dir was."
Sie schlurfte mir verschlafen hinterher. Ich hielt ihre Hand. Als wir im Wohnzimmer waren, liess ich sie kurz stehen, beugte mich zum Cd-player, und startete "Girl from Ipanema" in der wunderschön zurückhaltenden Vince Guaraldi-Version. Dann ging ich zu ihr. Sie hatte ein riesen Fragezeichen über ihrem Kopf. Ich lächelte sie an. "Mitternacht Süsse. Würdest du mit mir in den Mai tanzen?" Sie lachte, stockte, fiel mir um den Hals. Eng umschlungen tanzten wir, vergassen alles um uns herum. Und weinten. Vor Glück. Unser ganz kleines eigenes Glück.
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MC Winkel
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